European Forum

of Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Christian Groups

Rezension von „And GOD saw it all was very good”

Bekanntlich steht es in der Bibel geschrieben: „[…] Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch […] Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen […]” (Gen 9, 12+16)

Der Regenbogen soll also als immerwährendes Friedenszeichen zwischen Mensch und Gott verstanden werden. Die Farben des Regenbogens kennen kein Ende, darüber staunte schon Goethe in seiner Farbtheorie. Bei näherer Sicht ist es unmöglich zu bestimmen, genau wann zum Beispiel sich das Blau ins Violett wandelt. Es gibt keine geraden Linien in der Natur; der Astrophysiker Harald Lesch wird nicht müde zu betonen, wie asymmetrisch alle Vorgänge in der Schöpfung sind. Das ist Naturgesetz. Dementsprechend gestaltet sich die menschliche Sexualität.

Das vorliegende Buch, auf dem Einband vom Regenbogenfenster Marc Chagalls verziert, veranschaulicht am Zeugnis von 34 Katholiken die reiche Vielfalt der menschlichen Sexualität. Für den Rezensenten am Ergreifendsten sind die Erfahrungen von Transgender-Menschen, die sehr früh im Leben erkennen müssen, dass sie im falschen Körper stecken. Das Buch animierte mich regelrecht, auf YouTube weitere Transgender-Erkenntniswege zu recherchieren um dadurch festzustellen, dass man als kleine(r) Katholik(in) zwei riesige Berge zu erklimmen hat: Die Akzeptanz der eigenen Familie und die Verarbeitung als Gläubige(r) einer Nichtanerkennung durch die Kirche. Diesen Kampf kennen keine Cisgender-Katholiken und auch als schwuler Mann tut es gut, sich diesbezüglich weiterzubilden. Es ist handgreiflich, dass solche Menschen von einer geistlichen Begleitung profitieren könnten, einer wohlgemerkt, die ganz konkret den Weg ins Standesamt bahnt, um Einträge am Taufschein zu ändern.

Sehr bereichernd fand ich die Lektüre der vielen Wege in die eigene Sexualität. Als Katholik(in) bekommt man schon als Kind die Anweisung, sich auf ein Leben mit Ehe und Kindern einzustellen. Als Kind ist das für die meisten noch Zukunftsmusik, doch in der Pubertät intensiviert sich der Kampf zwischen der offiziellen Sexuallehre und den eigenen Empfindungen. Zur ewigen Schande unserer Kirche endet dieser Kampf nicht selten im Freitod des/der betroffenen Jugendlichen.

Aber das Buch enthält auch viele Beispiele von Priestern und Ordensleuten, die im richtigen Augenblick ein Pastoral der Begleitung und Unterstützung entfalten. Einer der Zeugen ist selbst Ordensmann und wird innerhalb des Ordens in seiner Sexualität akzeptiert. Verallgemeinernd hat man den Eindruck, dass dort, wo die Kirche herausgefordert wird, sie auch bereitwillig Hilfe leistet. Besonders positiv in diesem Zusammenhang wirkt das verständnisvolle Auftreten (egal, in welchem Land) des Jesuitenordens.

Ein beiläufiges Ergebnis der Lektüre will hier erwähnt werden: Der Mensch ist wichtiger als die Nationalität. Frappierend sind die Ähnlichkeiten der Selbstfindung innerhalb verschiedener (auch wenn allesamt katholischer) Kulturen. Im Falle eines der jüngeren Zeugen fällt seine Identität als Albaner in England weit in den Hintergrund. Ab der Pubertät wird sein Leben von der tiefen Unsicherheit dominiert, die sein Schwulsein in ihm zeitigt. Er kann nicht wissen, wie seine Eltern (die ebenfalls in England leben) reagieren werden; dass die Kirche ihn ablehnt, das weiß er schon zu schmerzhaft. Seine Heimat und eine tiefe Akzeptanz findet er im LGBTQ-Gottesdienst, damals noch im Londoner Stadtteil Soho, mittlerweile in Mayfair. Hier schöpft er auch Mut und Kraft, sich (endlich) vor den Eltern zu bekennen.

Das Buch ist zuletzt ein unverhofftes Geschenk an das Lehramt: Hier sind 34 Menschen, die trotz amtskirchlicher Haltungen, die zwischen kaltem Feststellen einer Lehre und offener Feindseligkeit rangieren, an ihrem Glauben festgehalten haben, auch wenn nicht alle noch am täglichen Kirchenleben teilnehmen. An den enthaltenen Erzählungen kann der katholische Geistliche vielleicht Kraft schöpfen und Gründe finden, die schärferen Unterweisungen des Lehramtes (allen voran Homosexualitatis problema, 1986) zu neutralisieren oder zumindest dieses Ziel anzustreben.

Zudem gibt das Buch Anlass, die Worte des Osnabrücker Ordinarius Bode zu beherzigen: „Barmherzigkeit ist in der pastoralen Praxis wie Billigkeit in der Jurisprudenz zu verstehen: Zuerst das Gesetz, dann seine karitative Auslegung im Einzelfall.” (Deutschlandfunk, 01.10.2015, Paraphrase des Autors) Die christlichen Konfessionen besitzen mit der Barmherzigkeitslehre ein Instrumentarium, das sie zum Wandel bemächtigt und eine Flexibilität im Pastoral gestattet.

Schließlich liegen uns in dieser Sammlung 34 Auseinandersetzungen mit einer verbotenen Sexualität oder einer nichtanerkannten Geschlechtszugehörigkeit vor. Auch für die einzelfallbezogene Dramatik der Erzählungen lohnt sich die Lektüre, ob der/die Leser/in Hetero- oder Homosexuell, Cis- oder Transgender sein mag. So kann man das Buch für alle empfehlen.